Als um Punkt 6:00 Uhr Peters Wecker im Handy klingelt, stehen alle Anderen im Zimmer auch auf. Die Nacht war viel besser, als die Letzte. Ich konnte durchschlafen, obwohl gegenüber der Herberge eine Straßenlaterne stand und genau in mein Gesicht leuchtete.

Das Büro wurde zum Frühstücksraum umgebaut und die Herbergsmutter fragte uns, ob wir Toast haben möchten. Dazu gab es wie bisher überall, Marmelade und Kaffee oder Kakao. Ich muss sagen, obwohl ich eigentlich keine warmen Getränke mag, schmeckt der spanische Kakao super lecker. Ich gewöhne mich langsam daran, da die andere Alternative, Kaffee, überhaupt nicht mein Fall ist. An unseren Tisch gesellte sich das Ehepaar, das am Vorabend noch mit unserem “Freund” zum Pilgersegen gegangen war. Die Beiden sind sehr nett und regen sich auch über „Mister Superschlau“ auf. Die Frau erzählt uns, dass er die ganze Nacht über gefurzt hat und sie wegen dem Gestank kaum schlafen konnte. In dem Moment läuft er am Frühstücksraum vorbei, nur mit einer Unterhose bekleidet und seiner Brille auf der Nase, die er immer auf der Nasenspitze hat und mit den Augen darüber schaut. Die Frau und ich schauen uns an und fangen innerlich herzhaft an zu lachen. Ihr Ehemann meinte nur, dass einige Leute wohl die Aufmerksamkeit brauchen…

Nach dem Frühstück wollen wir dann auch aufbrechen. Der Sohn der Herbergsmutter schloss uns den Keller auf, und wir konnten unsere Fahrräder herausholen. Als alles fertig gepackt war, verabschiedeten wir uns noch von den netten, freiwilligen Helfern der Herberge und von dem deutschen Ehepaar. Wir wünschten allen anderen Pilgern einen “Buen Camino” und fuhren entlang des “offiziellen” Pilgerwegs in Richtung Westen.

Blick Richtung Pamplona
Blick Richtung Pamplona

Laut meinem speziellen Fahrradpilgerführer sollte neben der neugebauten Autobahn eine Landstraße aus Pamplona führen. Hinter Cizur Menor standen wir dann aber nur vor der Autobahnauffahrt. Eine Landstraße war nicht zu erkennen. So suchten wir uns den Weg zum offiziellen Pilgerweg. Ein Spaziergänger half uns dabei. Der Weg war gut befahrbar, obwohl er nur aus Schotter bestand. Doch plötzlich nach einer Kurve ging es berghoch auf einem völlig unbefestigten Weg. Ich kam gerade noch so hinauf, aber Peter musste schieben, da er mit seinen dünneren Reifen keinen Grip mehr hatte. Später wurde es dann noch schlimmer. Den Aufstieg zum Alto del Perdón mussten wir Beide schieben. Mittlerweile bestand der Weg nur noch aus Geröll. Einige Steine waren Fußballgroß, außerdem kamen auch einige Stufen auf dem Weg vor, wo wir die Räder samt Gepäck hochhieven mussten. Immer wieder überholte uns eine Gruppe von drei Kanadierinnen, die sobald es flacher wurde, wieder von uns überholt wurden. Auf dem Alto del Perdón angekommen, hielt ich noch ein kurzes Schwätzchen mit den Damen und erfuhr von ihnen, dass der Abstieg wohl noch schlimmer sei.

Auf dem Alto de Perdón
Auf dem Alto de Perdón

Vom Berg aus suchten wir in der Landschaft nach der Straße, die neben der Autobahn herführen soll. Wir haben sie aber nicht gefunden. So beschlossen wir, auch nicht mehr auf dem offiziellen Weg zu fahren oder zu schieben, sondern nur noch auf der Straße. Vom Berg ging zum Glück eine Straße hinab ins Tal, die wir dann auch nutzten. Diese führte uns direkt auf die Nationalstraße, die wir vorher die ganze Zeit gesucht hatten. Es gibt sie also doch! Von nun an ging es zügig voran. In Puente La Reina, der Stadt wo die zwei großen Pilgerwege aufeinander treffen, kauften wir bei einem Bäcker etwas zu Essen und machten erstmal eine kurze Rast.

Weiter ging es bis nach Estella, wo wir erstmal auf einem kleinen Platz direkt am Fluss Ega eine Mittagspause von gut 1,5 Stunden machten. Im Schatten konnte man es gut aushalten, und wir beobachteten dabei die Spatzen und eine Taube. Wir stellten fest, dass Tauben ziemlich dumme Tiere sind, da die Spatzen immer schneller am zugeworfenen Brotkrümel waren als sie. Danach schaute sie immer recht verstört in der Gegend herum.

Ich habe an meinem Fahrrad eine Deutschlandflagge montiert, die ein Mann erspähte. Er kam auf uns zu und fragte auf Flämisch, ob wir Belgier sind. Ich sagte nur in perfekter Aussprache: “Duitsland”. Später sah ich den Herrn, wie er in einem Wagen mit belgischem Nummernschild wegfuhr. Wusste er nicht wie seine Staatsflagge aussieht?

Frisch ausgeruht nahmen wir noch die letzten Kilometer in Richtung Logroño auf uns. Die Sonne brannte, mein Radcomputer zeigte eine Temperatur von 40° Celsius an. Irgendwo auf dem Weg flog ca. 5 Meter von uns entfernt ein Geier im Tiefflug über die Straße. Ein gewaltiges Tier mit geschätzten zwei Metern Flügelspannweite. Überhaupt hat man bisher auf dem Weg schon jede Menge Tiere gesehen: Kleine Echsen, Schlangen, Mäuse, Adler und Geier.

Im Weinanbaugebiet
Im Weinanbaugebiet

Eigentlich sollte das Gelände endlich flacher werden, aber das wurde es nicht. Ständig ging es hoch und runter. Auf einem kleineren Berg fragte Peter mich, warum die Spanier eigentlich immer die Straße genau über den Berg führen, anstatt einfach drumherum. Platz war genug da. Ich konnte es ihm auch nicht beantworten und so beschlossen wir, DER WEG sei schuld. Ab sofort war bei allem Unerklärlichem oder Nervendem immer DER WEG schuld.

Kurz vor Logroño beschlossen wir dann uns für diese lange, heiße Etappe zu belohnen und in der Stadt ein Hotelzimmer zu nehmen. Der Preis war uns egal!

Bevor wir nach Logroño kamen, passierten wir die Grenze zur Region La Rioja. Wir mussten von der Straße auf den Pilgerweg wechseln und fuhren über eine Neubaustrecke durch das Gewerbegebiet der Stadt. Die letzten Meter zogen sich ganz gut, so dass wir bis ins Stadtzentrum noch mal gut 5 Kilometer zurücklegten.

Weinanbau
Weinanbau

Zuerst suchten wir die Tourismusinfo, um nach Hotels zu fragen. Wir bekamen unseren Stempel und eine Stadtkarte mit allen Hotels und Pensionen. Als wir aus der Info kamen, stupste ich Peter an und zeigte auf ein Gebäude, dass uns gegenüber stand. “Ein Hotel! Da frage ich jetzt nach einem Zimmer!” Die Dame an der Rezeption konnte ein wenig Englisch. Wir bekamen ein Doppelzimmer für 60,- Euro die Nacht im 3-Sterne Sercotel Portales. Zusätzlich buchten wir auch noch Frühstück. Unsere Räder konnten wir in der Tiefgarage parken. Dazu öffnete sie uns in der Fußgängerzone den Autolift. Unser Zimmer war klasse, Klimaanlage, zwei schöne große Betten, ein richtiges Badezimmer, Sat-TV und eine Minibar. Abends gingen wir dann in einem Restaurant gegenüber der Kirche von Logroño etwas essen. Ich bestellte eine Platos Combinados. Diese war bestückt mit einer für die Region typischen Dauerwurst, Calamares, Pommes und einem Thunfisch-Salat. Es war fettig und sehr lecker, aber die Spanier können keine Pommes machen, sie sind immer labberig. Der Kellner kam mit uns ins Gespräch und erzählte, dass er auch gerne mal den Jakobsweg gehen würde, aber leider durch seinen Job keine Zeit dazu hat. Später genehmigten wir uns dann noch in einem Eissalon ein Eis.

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Etappen-Daten:

  • Tagesstrecke: 103,71 km
  • Fahrzeit: 7:09:19
  • Schnitt: 14,40 km/h
  • Max.: 69,00 km/h
  • Höhenmeter: 1.398
  • Ø-Steigung: 4%
  • Max. Steigung: 18%

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