Heute ist es soweit. Die Etappe, die uns in der Vorbereitung die meiste Angst gemacht hat. Es geht über die Pyrenäen. Wir haben im Vorfeld die “einfachere” Route über die Straße hoch zum Ibañeta-Pass gewählt. Nachdem wir unsere Sachen gepackt haben, gehen wir in Mme. Preuilhs Küche zum Frühstück. Die Spanier sitzen auch schon am großen Tisch und gehen  ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Reden, nach. Die rüstige Herbergsmutter fragt uns, was wir trinken möchten. Sie hat Tee und Kaffee im Angebot. Peter nimmt einen Kaffee, ich wähle Tee. Außerdem gibt es noch frische Toasts und Marmelade. Einige Minuten später kommt auch das belgische Ehepaar hinzu und setzt sich an die freien Plätze neben uns.

Gegen 7:00 Uhr brechen wir dann auf. Nach einer kurzen Verabschiedung von Mme. Preuilh verlassen wir St. Jean über die Brücke der Nive und fahren die Straße in Richtung Pamplona. Es geht erst etwas bergan und danach ein längeres Stück wieder bergab. Genau richtig um sich langsam an das Terrain zu gewöhnen. Wir fahren durch ein lang gezogenes Tal zwischen den Bergen entlang. Einige Berge sind noch in leichten Nebel gehüllt, aber der Himmel ist wolkenlos. Nach ein paar leichten Kilometern kommen wir in das erste Dorf namens Arnéguy. Arnéguy ist ein durch einen kleinen Fluss getrenntes Örtchen. Dieser Fluss ist auch gleichzeitig die Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Begrüßt werden wir auf der spanischen Seite von einem Schild auf dem in mehreren Sprachen “Willkommen – Navarra” steht. Da merkt man, dass man sich in einer Region befindet, die gerne ein unabhängiges Land sein möchte. Kein Wort davon, dass man in Spanien ist. Auch Ortsnamen sind grundsätzlich erst auf Baskisch und darunter ein paar Schriftgrößen kleiner auf Spanisch verfasst.

Grenze zu Spanien
Grenze zu Spanien

An einer Tankstelle ein paar Meter hinter der Grenze machen wir eine erste Rast. Ab nun geht es stetig bergauf. Es ist nicht besonders steil, aber das Gepäck zieht nach hinten. Wir kommen durch Valcarlos und in einen Wald. Der Schatten tut gut, denn es ist mittlerweile ganz schön warm geworden. Mein Fahrradcomputer zeigt 20° an und das am Morgen.

Im Laufe des Vormittags wird es noch wärmer, und die ersten Serpentinen müssen bezwungen werden. Immer wieder kommen uns Rennradfahrer entgegen oder überholen uns. Alle grüßen freundlich oder feuern uns sogar regelrecht an. Das motiviert. Nachdem wir immer ein paar Serpentinen bezwungen haben, machen wir kurze Pausen. Die Beine brennen zwar, aber wir haben uns die Etappe noch schlimmer vorgestellt. Geschoben haben wir unsere Räder nur einmal ganz kurz, ca. 100 m. Nach ein paar Kurven wird es plötzlich noch einmal steiler, aber nur für gut 200 Meter, dann ist das Pass-Schild auf der rechten Straßenseite zu sehen. Wir haben es geschafft! Wir sind auf dem Ibañeta-Pass! Wir sind oben! Wir haben die Pyrenäen bezwungen! Wir stellen unsere Räder gegenüber der Kapelle an einem Zaun ab und gehen zum Denkmal, was auf dem Gipfel aufgestellt wurde. Genau über diesen Pass ist 778 auch Karl der Große zweimal bei seinem Spanienfeldzug gekommen. Der Blick ist gigantisch.

Am höchtsen Punkt des Ibañeta Pass
Am höchtsen Punkt des Ibañeta Pass

Wir machen auch noch schnell Bilder am Passschild und brechen dann nach Roncesvalles auf. Nach ein paar Minuten und einer rasanten Abfahrt treffen wir in dem Klosterdorf ein. Zuerst geht es ins Tourismus-Büro, wo wir dann den Weg zum Pilgerbüro gezeigt bekommen.

Im Pilgerbüro ist viel los, und die Mitarbeiter wirken gestresst. Wir bekommen als Rad-Pilger Betten auf dem Campingplatz zugewiesen. Der Campingplatz besteht aus einem Container- / Zelt-Dorf. Leider ist noch Niemand dort. Die Container sind alle abgeschlossen. So bleibt uns nichts anderes übrig als zu warten. Zum Glück ist der Sanitärcontainer offen, so können wir uns schon einmal duschen und an der Rückseite des Containers unsere Wäsche waschen. In der Dusche passiert dann der erste Unfall! Ich gehe in die Duschzelle und schalte das Wasser an. Es ist sofort sehr heiß, so dass ich wieder aus der Dusche springe und dabei ausrutsche. Mein rechtes Knie fliegt genau auf die Kante der Duschwanne. Es entsteht ein riesiger blauer Fleck. Was Peter sich wohl gedacht hat, als es plötzlich ganz laut im Container schepperte?

Kloster in Roncesvalles
Kloster in Roncesvalles

Nachdem wir die Wäsche auf die Leinen hinter dem Container aufgehängt haben, gehen wir zurück ins Dorf. Hier gibt es nur ein Kloster, eine kleine Kapelle, zwei Restaurants und noch ein Gebäude, wo eine zweite Herberge eingerichtet wurde. Wir setzen uns vor das Restaurant “La Posada” auf die Stühle und wir entdecken ein Schild auf dem steht, dass man hier für abends das Pilgermenü vorbestellen kann. Peter geht in das Restaurant und fragt nach. Das Menü kostet pro Person 9,- Euro, und wir bekommen eine Reservierungskarte. Einen kleinen Snack genehmigen wir uns dann auch noch. Die Bar des Restaurants bietet Baguette-Stücke mit Tortilla belegt an. Diese Köstlichkeit sollte später auf dem Weg immer wieder unsere Mittagsverpflegung werden.

Alte Klostergebäude
Alte Klostergebäude. Rechts das “La Posada”

Wir setzen uns auf die Terrasse seitlich des Restaurants und beobachten die Landschaft, sowie andere Pilger.

Es kommt ein junger Mann um die Ecke, der, wie sich relativ schnell herausstellt, auch Deutscher ist. Er sieht total fertig aus. Sein Kopf ist knallrot, er ist total durchgeschwitzt und vollkommen außer Atem. Er schmeißt seinen Rucksack in die Ecke und geht erstmal in die Bar um sich etwas zu trinken zu holen. Als er zurückkommt, lässt er sich nur noch in einen freien Stuhl plumpsen.

An einem anderen Tisch sitzen noch mehr Deutsche. Zwei ältere Pilger und eine Jüngere. Die junge Dame hört sich sehr oberlehrerhaft an und erzählt von ihren anscheinend vielen Wanderungen auf der ganzen Welt. Sie lässt sich dann auch noch über die verschiedenen Pilgermotive aus. Pilger, die nur wegen dem Buch von Hape Kerkeling unterwegs sind, kann sie überhaupt nicht leiden und Radpilger sowieso nicht. Die Drei verlassen kurz darauf auch die Terrasse, so dass wir nun die Ruhe, das Wetter und die Landschaft genießen können.

Kapelle in Rocesvalles
Kapelle in Rocesvalles

Irgendwann machen wir uns noch mal auf den Weg zu dem Containern-Dorf, da wir unsere Taschen und Räder nur hinter einem Container angeschlossen und versteckt haben. Mittlerweile sind auch Helfer dort, die uns unseren Container aufschließen und das Zelt zeigen, wo wir unsere Räder unterstellen können. Unser Container beinhaltet 4 Stockbetten und eine Klimaanlage. Das ist doch purer Luxus für gerade einmal 6,- Euro pro Person. Die Fußpilger kommen in einer Großraumherberge unter. 2 Räume, 70 Betten + 30 Matratzen und Schweißgeruch inklusive. Da soll noch mal Jemand sagen, dass Radpilger schlechter behandelt werden…

In unserem Container werden auch noch 6 Spanier untergebracht, 4 Männer und zwei Frauen.

Pilgerwäsche
Pilgerwäsche

Abends gehen wir dann zum Restaurant, um unser erstes Pilgermenü zu uns zu nehmen. Es ist allerdings noch verschlossen, so das wir in der Bar einen der beiden Computer benutzen wollen, um kurz ein paar Zeilen in unseren Blog zu schreiben. Ein netter Schotte, der vor uns an dem PC saß, schenkte uns noch 15 Minuten seiner Zeit, so dass wir nichts bezahlen mussten.

Ob er wirklich Schotte war? 😉

Später wurde dann auch das Restaurant geöffnet und so setzten wir uns an einen großen runden Tisch mit anderen Pilgern. Schnell bekamen wir den ersten Gang. Es wurden zwei Töpfe mit Nudeln in Tomatensauce auf den Tisch gestellt. Jeder nahm sich eine Portion daraus. Als Hauptgericht gab es Forelle aus den Pyrenäen mit Pommes. Die Pommes waren in Fett ertränkt und total labberig. Zum Glück waren es nur sehr wenige. Die Forelle schmeckte dagegen sehr gut. Als Dessert bekamen wir einen Becher mit Joghurt. Dieser war gerade in unseren Mägen verschwunden, alle wollten sich noch ein wenig unterhalten, da mussten wir auch schon aufstehen und für die nächste “Schicht” Platz machen. Es erinnerte mich ein wenig an den Kerkeling-Film “Club Las Piranjas”. Innerlich musste ich total lachen. Was für ein Tag!

Fast am Ziel
Fast am Ziel
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Etappen-Daten:

  • Tagesstrecke: 29,21 km
  • Fahrzeit: 3:19:20
  • Schnitt: 8,90 km/h
  • Max.: 51,00 km/h
  • Höhenmeter: 914
  • Ø-Steigung: 4%
  • Max. Steigung: 9%

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