Wir haben es bald geschafft. Nun sind es nur noch 200 km bis Santiago. Um die Compostela zu erhalten, muss man nämlich als Radfahrer nachweislich die letzten 200 km gefahren sein. Den Anstieg zum Cruz de Ferro hatten wir hinter uns, so dass wir uns heute auf eine “einfache”, “flache” Etappe freuten. Es ging über die Nationalstraße NVI aus Ponferrada heraus Richtung Villafranca del Bierzo. Dort legten wir eine Rast ein und holten uns einen Stempel im Tourismusbüro ab.

Die Nationalstraße schlängelt sich immer schön flach zwischen Bergen entlang. Durch die Autobahn, die parallel zur Straße verläuft ist auch kaum Autoverkehr unterwegs. Diese Etappe ist genau das, was ich heute brauche, denn meine Beine sind relativ müde. An einer großen Tankstelle legen wir noch ein Päuschen ein. Dort auf dem Parkplatz treffen wir auch wieder auf die Deutsche Reisegruppe, die nur einige kurze Teilstücke mit den Rädern gefahren sind und den Rest mit dem Bus zurücklegten. Eine ältere Dame, die mich erkennt, begrüßt mich in einem leicht überheblich wirkenden Tonfall: “WIR sind ja schon wieder auf dem Rückweg.” Ich platze innerlich und denke mir meinen Teil. So ein Satz konnte auch nur von Deutschen kommen!

Jetzt ist der Weg auch gar nicht mehr schön zu fahren. Es geht viele Kilometer nur bergauf. Meine Beine brennen. Die Straße schlängelt sich um Berge herum und immer wieder unter der Autobahn her, die gut 30 Meter über uns her führt. Langsam bekomme ich einen Tunnelblick und schalte mit der Zeit meinen Kopf aus. Ich versuche nur noch weiter in die Pedale zu treten und visiere mit meinen Augen die nächste Kurve an. Peter wirkt fitter und fährt ein Stück voraus. An einem geraden Stück steige ich vom Rad und schiebe. Es geht nicht mehr. Ich bin platt. Nach gut einem Kilometer steige ich wieder auf und komme langsam in Tritt. Die Beine brennen zwar immer noch, aber ich versuche, wieder zu Peter aufzuschließen. Wir passieren nach einer gefühlten Ewigkeit die Grenze zur Region Galizien und machen eine längere Pause im Örtchen Pedrafita do Cebreiro.

In einem kleinen Geschäft kaufe ich mir erstmal je eine große Flasche Cola und Mineralwasser. Das Wasser gieße ich in meinen Trinkrucksack und die Cola schütte ich fast komplett meine Kehle hinunter. Das tut gut. Ich merke, wie der Zucker mir Energie gibt. Zusätzlich teilen Peter und ich uns einen Müsliriegel.

Alto do Cebreiro
Alto do Cebreiro

Bei einem Blick auf die Landkarte meines Führers sehe ich, dass es jetzt noch weiter bergauf geht, und das auch noch sehr steil. Die Straße schlängelt sich zum Alto do Cebreiro auf 1.300 Hm hoch. Man hat einen guten Blick die gesamte Straße entlang bis zum Gipfel. Ich behalte das Ziel immer im Auge und trete wieder wie in Trance. In O Cebreiro ist wohl irgendein Fest, denn am Straßenrand stehen viele geparkte Autos. Auf einer Rasenfläche stehen jede Menge Leute. Ein Militärpolizist von der Guardia Civil ist so freundlich und macht ein Foto von uns an der Hinweistafel zum Gipfel.

Nun geht es erstmal ein Stück bergab, von 1.300 auf gut 800 Hm. Da können sich die Beine erholen. Allerdings geht es danach wieder berghoch zum Alto de San Roque auf 1.270 Hm. Wir werden von einem Wohnmobil mit deutschem Kennzeichen überholt. Der Fahrer hupt und winkt. Auf dem Berg steht eine riesige Pilgerstatur, die anscheinend gegen einen heftigen Sturm ankämpft. Genauso wie wir vor ein paar Tagen.

Alto de San Roque
Alto de San Roque

Als wir oben ankommen, parkt dort schon das Wohnmobil. Ein älteres Ehepaar schaut sich die Statur an. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch und erfahren, dass der Herr uns anfeuern wollte, als er meine Deutschlandfahne gesehen hat. Die Beiden haben einen starken norddeutschen Dialekt. Sie kommen aus Schleswig-Holstein nah der Grenze zu Hamburg. Ich erzähle, dass ich auch einmal in Schleswig-Holstein gewohnt habe, in Neustadt in Ostholstein. Die Frau entgegnet mir, dass ihr Mann gebürtiger Neustädter sei. Sein Vater war lange Jahre Verwalter an einem großen Gutshof. Ich bitte sie noch ein Foto von Peter und mir vor der Statur zu machen. Danach verabschieden sie sich von uns, um weiter zu fahren.

Wir bleiben noch ein paar Minuten und genießen die fantastische Aussicht.

Später geht es wieder einige Meter bergab, um dann auf 1.335 Hm anzusteigen. Der dritte und letzte Berg, der Alto de Poio, ist geschafft. Meine Beine waren ja schon vor den Bergen schwer und ich bin glücklich, dass jetzt nur noch eine lange Abfahrt nach Triacastela bevorsteht.

Alto do Poio
Alto do Poio

In Triacastela gibt es einige Besonderheiten. Das heutige Rathaus war im Mittelalter das einzige Pilgergefängnis am Jakobsweg. Außerdem wurde zu der Zeit jedem Pilger ein Stein aus den nahe liegenden Steinbrüchen mitgegeben. Diesen mussten sie in Castañeda bei den Brennöfen abliefern, denn daraus wurde die Kathedrale in Santiago de Compostela gebaut.

Die Stadt besteht eigentlich nur aus Herbergen, Pensionen, Bars, Restaurants und einem Supermarkt. Wir suchen uns ein nettes, kleines Hostal und ziehen das übliche Abend-Programm durch: Wäsche waschen – Duschen – Stadtrundgang. Im Supermarkt kaufen wir noch ein paar Sachen für den nächsten Tag ein und lassen uns danach am Dorfplatz nieder.

Kirche Triacastela
Kirche Triacastela

Später am Abend suchen wir uns ein nettes Restaurant und nehmen auf der Terrasse platz. Heute gibt es eine galizische Kohlsuppe als “Primero Plato”,  gegrilltes Rindfleisch mit Kartoffeln als “Secundo Plato” und als “Postre” Santiago-Kuchen. Das Menü war mit 8,- Euro nicht nur sehr günstig, sondern auch sehr gut. Das Rindfleisch hatte einen schönen, rauchigen Grillgeschmack.

Das Restaurant ist sehr gut besucht. An einem Nachbartisch sitzt eine größere Gruppe Deutscher. Einer von ihnen hat wohl Geburtstag, denn mit jedem Bier stoßen sie auf ihn an.

Nach dem Essen machen wir noch einen kurzen Verdauungsspaziergang und gehen danach in die Pension, um zu schlafen.

Karte wird geladen, bitte warten...

Etappen-Daten:

  • Tagesstrecke: 84,34 km
  • Fahrzeit: 5:26:23
  • Schnitt: 15,50 km/h
  • Max.: 66,50 km/h
  • Höhenmeter: 1.177
  • Ø-Steigung: 3%
  • Max. Steigung: 11%

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich bin LIVE!
Im Moment OFFLINE